Voltigieren - was ist denn das?
Voltigieren ist eine eigenständige Disziplin des Pferdesports. Das Pferd bewegt sich dabei an der Longe auf dem Zirkel. Es trägt einen Gurt mit zwei Griffen. Auf dem Pferd zeigen die Voltigierer dynamische und statische Übungen im Schritt, Trab oder Galopp. Im Wettkampf müssen alle Teile im Galopp gezeigt werden.
Das Voltigieren ist eine vielseitige Sportart mit hohen konditionellen und koordinativen Anforderungen. Ein besonderer pädagogischer Aspekt ist dabei die partnerschaftliche Arbeit mit dem Pferd. Gefordert werden Rücksicht, Achtung und ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Pferd. Ebenso von Bedeutung ist der kommunikativ-soziale Aspekt in einer Voltigiergruppe. Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters voltigieren gemeinsam und sind auf gegenseitige Hilfe, Rücksichtnahme und Zusammenarbeit angewiesen. Das Voltigieren bietet daher gerade Kindern der heutigen Zeit hervorragende Lernmöglichkeiten im sozialen und persönlichen Bereich. Mehr als 50.000 Voltigierer in Deutschland betreiben diesen Sport - überwiegend in Freizeit- oder Breitensportgruppen.
Voltigieren als Wettkampf- und Breitensport sowie das Heilpädagogische Voltigieren sind aber mittlerweile nicht nur in Deutschland sondern auch international verbreitet. In etwa 25 Ländern weltweit wird Voltigieren als Leistungssport betrieben. Zahlreiche weitere Nationen haben bereits an-gefangen Voltigiergruppen aufzubauen oder betreiben es schwerpunktmäßig im heilpädagogischen Bereich.


Sport im Zirkel - Das Voltigieren und seine Geschichte

Das Voltigieren ist gleichermaßen ein junger und sehr alter Sport. .Sehr jung ist der Voltigiersport in seiner äußeren Organisation, erst seit zwei Jahrzehnten gibt es internationale Wettbewerbe. Andererseits ist das Voltigieren sehr alt, seine Wurzeln reichen bis in die Anfänge der Reiterei zurück. Menschen lernten, mutig und gewandt auf das Pferd zu springen, sich auf dem Pferderücken zu bewegen, und andere so mit ihrer Kunst zu beeindrucken. Für die Reiterkrieger war das schelle Hinauf- und Hinunterkommen lebenswichtig und wurde daher von Anfang an geübt. Bei der Kavallerie im 19. Jh. gehörte das Voltigieren zu den geläufigen Übungen im Winterhalbjahr und beschränkte sich noch häufig auf den "Pferdsprung", also das Aufspringen auf ein stehendes Pferd oder auf den hölzernen Voltigierbock.

Voltigierer und Kunstreiter
Die Begriffe "volte" oder "giri", aus denen sich das Wort "voltigieren" zusammensetzt, stammen aus dem Spanischen und Italienischen und wurden im 16. Jahrhundert gebräuchlich. Sie bezeichnen Dreh- und Kreisbewegungen des Übenden auf dem Pferd, welches von Anfang an auch ein Holzpferd sein konnte. Das Voltigieren gehörte zu den elementaren Fächern einer Ritterakademie, wo junge Adlige unterwiesen wurden. Entsprechend gab es zahlreiche Voltigierlehrbücher, von denen die Werke von Johann Georg Paschen (1661) und Alexander Doyle (1720) die bekanntesten sind. Übte man auf lebendigem Pferd, so ließ man es im Kreis galoppieren - es entstand die Zirkusreiterei. Am Beginn der modernen Zirkusgeschichte standen Kunstreiter aus England, die auf dem Kontinent Furore machten. 1767 entstand in Paris die erste feststehende Manege. Ganze Kunstreiterfamilien oder -dynastien waren auf Tournee in den europäischen Metropolen und hatten auch bereits feste Spielstätten. Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde das Programm eindeutig von den Pferde- und Reiternummern dominiert. Erst später gewannen Wildtierdressuren, Akrobatik, Pantomimen und Clownerien ohne Pferde an Bedeutung. Neben artistischen Vorführungen wie dem Stehendreiten, Jonglieren und Saltomortalereiten hat die Schulreiterei im Zirkus ihren festen Platz. Meister der "klassischen Schule" engagierten sich auch in der Ausbildung von Zirkuspferden.

Kinder- und Jugendvoltigieren in der Weimarer Republik
Ab etwa 1926 wurde der "Seidel'sche Kinder-Zirkus" auf vielen norddeutschen Reitturnieren zum feststehenden Begriff. Die kleine Truppe aus Jungen und Mädchen - sie entstammten ausnahmslos aus vornehmen Familien in Hannover - trat als Schaunummer auf. Initiator der Gruppe war der ehemalige Kavalleriewachtmeister Hermann Seidel, der bereits während seines aktiven Dienstes in der Kavallerieschule Hannover mit Soldaten und Schwadronspferden zirzensische Kunststücke einstudierte. Die jungen Voltigierer begeisterten das Publikum mit ihrem Können, gepaart mit kindlicher Unbekümmertheit und Natürlichkeit der Bewegungen. Es gab mehr Anmeldungen, als die Truppe aufnehmen konnte. Die Kinder übten zwei- bis dreimal in der Woche. Hermann Seidel war ein talentierter und einfühlsamer Ausbilder, bei dem Kinder schon nach acht Wochen auf einem galoppierenden Pferd stehen konnten. Nach seinem Vorbild entstanden viele Gruppen im ganzen Land. Beim ersten "Reichstreffen der Reiterjugend" 1931 in Berlin kamen Voltigierabteilungen aus Halle (Saale), Hannover, Potsdam und Verden (Aller) zusammen. Es gab offenbar schon einen Vergleichswettkampf, zu dem Ehrenpreise ausgesetzt waren. Noch fehlten aber einheitliche Maßstäbe für die Bewertung der Vorführungen. Dies sollte das große Thema für die Weiterentwicklung des Sports nach 1945 werden.

"Hilde" und "Mohrchen" - Werbeträger für die Reiterstadt Verden
Beim Berliner Jugendtreffen des "Reichsverbandes für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts" beeindruckte besonders die Abteilung aus Verden (Aller). Die drei- bis sechsjährigen Kinder waren nach ihren Darbietungen von Presse und Fotografen umlagert und wurden zum Stadtgespräch in der Reichshauptstadt. "Mohrchen" war das Pony, mit dem die Kinder eines Verdener Arztes ab 1929 voltigierten, unter ihnen war auch die später bekannte Springreiterin Helga Köhler. In der Gruppe "Hilde" (ebenfalls nach dem Pferd benannt) voltigierten etwas ältere Kinder. Der Erfinder der Verdener "Großturniere", Hauptmann Heinz Hamann, förderte die Gruppen und setzte sie als Sympathieträger für das damals noch recht unbekannte norddeutsche Zentrum der Pferdezucht und des Turniersports ein.

Voltigieren in der NS-Zeit und nach 1945
Anfang der 30er Jahre kamen die Verdener Voltigierkinder bereits in das Alter, wo sie mit dem "richtigen" Reitsport begannen. Die Voltigiernummern verschwanden aus den Turnierprogrammen. Dies hing auch damit zusammen, daß die neuen Machthaber diesem Sport nicht freundlich gegenüberstanden, sondern massiv Wettkampf- und Wehrsport förderten. Zumindest in Verden blieb jedoch die Erinnerung an den überwältigenden Erfolg ihrer Voltigierer 1931 und 1932 lebendig, so daß noch in den 30er Jahren Zeitungsartikel über den Wert des Voltigierens als Heranführung zum Reiten erschienen und es auch Vorführungen bei kleineren Anlässen gab.
Nach dem Krieg nahmen zahlreiche Gruppen ihre Tätigkeit wieder auf oder entstanden neu. In der Notzeit war das Voltigieren ein passender Anfang. Die Kosten für Pferd und Reitlehrer teilten sich auf mehrere Kinder auf und blieben so für die Eltern erschwinglich. Andersherum brachte eine Voltigierstunde dem Verein mehr Ertrag als eine Einzelreitstunde. Bei der Vielzahl der Gruppen wuchs das Interesse an Vorbildern und Vergleichswettkämpfen.

Auf dem Weg zum Wettkampfsport
In den 50er Jahren fanden auf Länderebene bereits Vergleichswettkämpfe der Voltigiergruppen statt. Viele Voltigierer wollten ihren Sport nicht nur als spielerisches Heranführen an das Reiten verstehen, sondern ihn zu einer selbständigen Disziplin weiterentwickeln. In dieser Richtung wirkte der Landesverband Niedersächsischer Reit- und Fahrvereine mit seinem Geschäftsführer Wilfried Pabst (1908 - 2000) federführend. Mehrfach kamen Ausbilder zusammen, um Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln, die beim ersten Landesjugendturnier 1957 in Hannover erprobt wurden. 1958 wurden die überarbeiteten Regeln vom Hauptverband für Zucht und Prüfung deutscher Pferde übernommen und fanden im folgenden Jahr Eingang in die Leistungsprüfungsordnung (LPO). Dazu gehörten auch die bis heute gültigen Pflichtübungen Grundsitz, Mühle, Fahne, Flanke, Stehen und Schere. Das Voltigieren war nun als selbständige Disziplin vom Dachverband des deutschen Reitsports anerkannt.

Die traditionsreichen Wiesbadener Pfingstturniere waren beginnend mit dem Jahr 1958 der Schauplatz von bundesweiten Vergleichswettkämpfen. Im ersten Jahr nahmen Gruppen aus Bad Soden, Darmstadt, Duisburg-Hamborn, Elmshorn und Verden teil. Das Reglement war noch recht unbestimmt: "eine Pflichtübung und eine Kür nach Ermessen des Ausbilders von 15 Minuten Dauer...". 1960 erfolgte der Wettbewerb nach den neuen Regeln. Teilnehmer waren die Gruppen aus Bünde (Westf.), Cloppenburg, Duisburg-Hamborn und Verden. Die Gruppen sollten ihre Kür an den folgenden Tagen noch einmal als Schaunummer zeigen, dies zeigt, wie ungewohnt den Organisatoren der neue Stellenwert des Voltigierens noch war.
1963 wurde aus dem Treffen zum Pfingstturnier die erste Deutsche Meisterschaft der Voltigiergruppen. Erster Deutscher Meister wurde die Reitgemeinschaft Goslar vor Lübeck und Heilbronn. Die rundum erfolgreiche erste Meisterschaft rief jedoch Kritiker auf den Plan, denen die gesamte Richtung des Voltigiersports nicht recht war. Der prominenteste unter ihnen war Mirko Altgayer (1901 - 1974), Pferdesportjournalist und Pressesprecher des Hauptverbandes für Zucht und Prüfung Deutscher Pferde. Seiner Ansicht nach sollte das Voltigieren Spiel und Hinführung zum Reiten bleiben. Die wettkampfmäßige Ausrichtung würde einen schädlichen Individualismus bei den Kindern und Jugendlichen fördern. Altgayer forderte, die Deutsche Jugendmeisterschaft sofort wieder abzuschaffen. Auf den übrigen Wettbewerben sollten die Namen der Voltigierer ungenannt bleiben und es sollte auch keine Einzelmedaillen geben. Den siegreichen Mannschaften dürften keine offizielle Empfänge bereitet werden. Nach lebhaften Auseinandersetzungen führte der Entschluß des Dachverbandes, 1964 in Euskirchen wieder eine Deutsche Meisterschaft durchzuführen, sowie deren erfolgreicher und harmonischer Verlauf dazu, daß der Voltigiersport seine Entwicklung fortsetzen konnte.

Das Voltigieren wird international
Bereits 1920 war Voltigieren eine Disziplin bei den Olympischen Spielen in Antwerpen. Dies blieb jedoch Ausnahme. Der Voltigiersport entwickelte sich in einigen europäischen Ländern aufgrund von Impulsen, die aus Deutschland und Österreich kamen. Hierzulande gab es ja seit den 60er Jahren eine breite und sportlich anerkannte Voltigierszene. Deutsche Gruppen traten als Schaunummern auf Turnieren in Nachbarländern auf und weckten so Interesse an diesem Sport. Es bildeten sich Gruppen u.a. in Österreich, in der Schweiz, in den Niederlanden, Spanien, Dänemark und Schweden. Stets wurde das deutsche Voltigierreglement als Vorbild übernommen und auf die eigene Situation angepaßt. 1981 erkannte der internationale Pferdesportverband (FEI) das Voltigieren als eigenständige Disziplin an. Dafür wurde das erste FEI Komitee für Voltigieren unter Vorsitz des Österreicher Erich Breiter gegründet. Deutsche Vertreterin war Ulrike Rieder, die inzwischen Nachfolgerin von Wilfried Pabst als Fachbeiratsvorsitzende geworden war.
Die entstehenden internationalen Kontakte hatten zur Folge, daß noch bestehende Probleme mit dem Reglement gelöst werden mußten. Eines davon war die Höchstaltersgrenze bis 16 Jahre, um die mit Rücksicht auf das traditionelle Verständnis des Voltigierens als Kinder- und Jugendsport heftig gestritten wurde. Sie fiel 1982 aufgrund notwendiger Anpassungen an die FEI-Regeln. Aus den U.S.A kam die Anregung, Wettbewerbe im Einzelvoltigieren zu entwickeln. Auch hier mußten einheitliche Bewertungskriterien erarbeitet und abgestimmt werden. Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts trat das Einzelvoltigieren den Gruppenwettkämpfen an die Seite. So konnten auch diejenigen, die über die Jugendjahre hinaus waren, weiter beim Voltigieren bleiben.

Die erste Europameisterschaft fand 1984 in Ebreichsdorf (Österreich) statt. Es waren Gruppen und Einzelvoltigierer aus Dänemark, der Schweiz, Niederlande, Frankreich, Schweden, Ungarn, Bundesrepublik Deutschland und Österreich vertreten. Zwei Jahre später schloß sich die erste Weltmeisterschaft im schweizerischen Bulle an. Außereuropäische Mannschaften kamen damals aus U.S.A. und Brasilien. Im Jahr 2000 war Mannheim der Ort der achten Weltmeisterschaft. Die außereuropäischen Teams kamen aus Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada und den U.S.A. Deutschland gewann zu wiederholten Mal den
Deutschland ist seit der ersten Europameisterschaft 1984 die erfolgreichste Voltigiernation. Im internationalen Leistungsvergleich nehmen die deutschen Voltigierer über viele Jahre die vorderen Plätze ein. Die deutsche Equipe konnte unter der Betreuung von Bundestrainerin Helma Schwarzmann zahlreiche Europa- und Weltmeistertitel in allen Disziplinen verbuchen. Diese großartigen Erfolge sind auf eine hohe Motivation und Einsatzbereitschaft sowie eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Trainern, Sportlern und Pferden zurückzuführen. Deutschland stellt zur Zeit den Gruppenweltmeister mit der Gruppe aus Mainz-Laubenheim, Weltmeisterin ist Nadia Zülow und Vizeweltmeister Gero Meyer.
Trotz aller sportlicher Erfolge ist das Voltigieren im Breitensport ständig gewachsen. Unzählige Freizeit-, Spiel- Schul- und Breitensportgruppen sind im ganzen Land aktiv und bilden eine breite Basis für diese Sportart für etwas 50 000 Aktive. 1991 wurde die "Interessen- und Fördergemeinschaft" für den Voltigiersport gegründet, die sich neben der FN für diese Sportart ebenfalls einsetzt und eine eigene Voltigierzeitschrift herausbringt und zwei große internationale Tagungen in Bad Boll ( 1998 und 2001) durchgeführt hat, bei denen Voltigierfreunde aus aller Welt sich mit dem Voltigiersport auseinander setzten.

 
   

 
 
     
 
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